Fremdenverkehr: Zu Gast in Haiming
Anfänge der Beherbergung
Wann der Tourismus – besser gesagt das Beherbergungsgewerbe – in Haiming Einzug gehalten hat, ist nicht bekannt. Es wird wohl schon sehr früh, so wie auch in anderen „abgelegenen“ ländlichen Gebieten, Herbergen als Unterkunft für Durchziehende oder kurz Verweilende gegeben haben. Eine solche Herberge soll sich im alten „Binder“-Haus im alten Ortskern von Haiming befunden haben. Die Übernachtungsmöglichkeiten waren in den Dörfern des Spätmittelalters begrenzt – zu groß war die Angst vor „Fremden“.
Die strenge Gemeindeordnung machte es für nicht gewerbliche Häuser schier unmöglich, Gäste zu beherbergen. So heißt es im Weistum von 1644: „Es soll sich niemand unterstehen, herrenlosem Gesindel für einen oder mehrere Tage Unterschlupf zu geben, damit diese Fremden keine Gelegenheit zur Auskundschaftung hätten, wo und wie man sich am einfachsten fremdes Gut aneignen könne. Man soll nicht durchziehendes Volk Kost und Herberge geben, weil dadurch die eigenen Gemeindearmen vernachlässigt würden“. Diese, heute unmenschlich anmutenden Bestimmungen, gründeten im Bedenken, dass der ohnehin sehr karge Gemeindesäckel durch Zugezogene noch ärger belastet wird und somit für die „eigenen Leut‘“ nicht mehr genug übrigbleibt.
Gasthöfe an wichtigen Wegen
An bestimmten, für damalige Verhältnisse gut frequentierten Plätzen gab es Wirtshäuser mit Unterbringungsmöglichkeit. Hier sei der Gasthof Löwen in Magerbach genannt, dem als Verkehrsknotenpunkt und Pferdestation eine bedeutende Rolle beim Innübergang zukam. Es kann angenommen werden, dass sich an der Stelle bereits im 14. Jahrhundert eine Gastwirtschaft befand. Als einfache Herberge auf dem Weg Richtung Karrer Sattel galt auch das sogenannte „Weiße Haus (Weis Haus)“ oberhalb von Unterrain.
Hunger durch Missernten, Kriege und fehlende Infrastruktur ließen den Aufbau von Fremdenverkehr nicht zu. Erst nach der Revolution des Jahres 1848, der Erstarkung des Bürgertums in städtischen Bereichen und dem Aufkeimen des Alpinismus Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu ersten, meist zaghaften Versuchen auch auf dem Lande in Tourismus zu investieren. Vorreiter in Haiming waren sicherlich die jeweiligen Wirtsleute in Magerbach, die Familie Neurauter in Marlstein und Alois Sterzinger. Letzterer hatte – ausgestattet mit guten Informationen (ein Verwandter von ihm war ein angesehener Notar in Wien) noch vor der Inbetriebnahme der Eisenbahn im Jahr 1883 den „Sterzinger Hof“ bei der „Station Oetzthal“ errichtet.
Mit Anzeigen und Inseraten in Zeitungen wurde früher um den Gast geworben. Die Anzeige für den Sterzinger-Hof stammt aus der Zeit um 1900.
In dieser Anzeige aus dem Jahr 1936 kann der damalige Besitzer des Ötztalerhofs, Fritz Buchholz, bereits mit fließendem Kalt- und Warmwasser werben.
Der Gasthof Löwen in Magerbach gehört mit mehr als 700 Jahren zu den ältesten Gebäuden in Haiming. Der unter Denkmalschutz stehende Gasthof war ursprünglich vermutlich eine Pferdestation und eine einfache Herberge. Die Aufnahme stammt um 1900 - links ist noch die alte Holzbrücke zu sehen, die 1913 durch eine Stahlkonstruktion ersetzt wurde.
Das "Weiße Haus" (Weis Haus) oberhalb von Unterrain auf dem Weg Richtung Karrer Sattel war eine einfach Herberge für die Durchreisenden. Das Bild wurde 1967 aufgenommen.
Auf "Sommerfrische" in Haiming
Für den aufkeimenden Tourismus Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutete der 1. Weltkrieg einen herben Rückschlag. Erst in den 1920er und 1930er Jahren entdeckte vor allem das Wiener Bürgertum die ländliche Idylle als optimalen Erholungsort. Auch in Haiming wurden „Sommerfrischler“ mit ihren, bei der einheimischen Bevölkerung oft für Skepsis und Verwunderung sorgenden eigenartigen Kleidern und Hüten gesehen.
In diesen Jahren boten neben dem Gasthof Stern (Zickeler), dem Gasthof Traube (Josef Sterzinger), dem Gasthof Löwen (Kapeller) auch die ersten Privatzimmervermieter ihre Dienste an. Und wie in späteren Jahren, so entwickelten sich durch die oft über mehrere Wochen dauernde Sommerfrische zwischen Gast und Vermieter ein Vertrauensverhältnis, manchmal entstanden daraus echte Freundschaften und die eine oder andere Liebelei.
Dann folgte die nächste Katastrophe: Mit der Verhängung der „1000 Mark Sperre“ durch die deutsche NSDAP-Regierung im Jahre 1933, wurde die Österreichische Wirtschaft, vor allem der Tourismus, massiv geschädigt. Die deutschen Gäste blieben aus, viele Gastwirtschaften standen vor dem Ruin. Dann die große Katastrophe, der 2. Weltkrieg: An geregelten Tourismus war nicht zu denken. Nahrungsmittel waren knapp und wurden konfisziert.
Auf Sommerfrische in Haiming bei einer Wanderung Richtung Ötztal: Helga Hollarek aus Wien (Aufnahme aus den 1930er Jahren)
Der Gasthof Stern "Zickeler" bot schon ca. ab den 1920er Jahren seine Dienste als Privatzimmervermieter an.
Impressionen von Haiming: Ansichtskarte aus den 1960er Jahren
Postkarte von Ochsengarten / Gasthof Bergland, aus den 1960er Jahren
Aufstieg des Tourismus zum wichtigen Wirtschaftszweig
Erst Jahre nach Beendigung des 2. Weltkrieges, vor allem durch das „Wirtschaftswunder“ in Deutschland, kamen wieder Gäste zu uns. Und viele Einheimische, die bis dahin mit Tourismus überhaupt nichts am Hut hatten, packten die Gelegenheit beim Schopf und vermieteten Zimmer ihrer soeben errichteten Siedlungshäuser an Touristen – nicht immer zur Freude der Kinder, die in der Sommerzeit meist in Kellerräume oder auf den Dachboden ausweichen mussten. Außerdem fühlten sich vor allem Stammgäste als ein Teil der Familie und störten die ohnehin schon eingeschränkte Privatsphäre empfindlich.
Hand in Hand ging damit auch der Aufschwung im Gastgewerbe, denn die Privatzimmergäste mussten ja verköstigt werden und sehnten sich abends nach Abwechslung und Unterhaltung. Gasthäuser und Hotels investierten, schlossen Kontrakte mit Reiseveranstaltern und forderten Unterstützung durch den „Fremdenverkehrsverband“. Unter dem rührigen Obmann Josef Egger, Bäckermeister in Haiming, wurde der Fremdenverkehrsverband im Jahr 1949 noch als „Verschönerungsverein“ gegründet.
Gefordert war auch die Musikkapelle, die mit Platzkonzerten das Gästepublikum unterhielt, die Silberbuam luden zu gut besuchten Tiroler Abenden, Schützen zogen bei Ausrückungen die Blicke der Gäste auf sich. Zwischen Einheimischen und Gäste entstanden Freundschaften, es kam zu langjährigen Verbindungen und Ehen.
Auch Urlaub am Bauernhof wurde bereits in den 1970ern angeboten: Vermieter 1971/72 waren: Albert Köll „Müllers“ in Brunau; Josef Köll, Haimingerberg 53; Johann Kuprian „Engelhartler“, Haimingerberg 43; Johann Raffl „Roman“, Kreuzstraße 10, Haiming; Tobias Raffl „Buabeler“, Kreuzstraße 4, Haiming; Marianne Stadler „Baders“, Alte Bundesstraße 18, Haiming.
In den 1970er und 1980er Jahren erlebte der Sommertourismus in Haiming einen Höhepunkt. Mitverantwortlich dafür war der stets gut gebuchte Campingplatz von Anton Schatz bei der BP-Tankstelle – an Spitzentagen pilgerten von dort (hauptsächlich Familien aus den Niederlanden) fünfhundert Gäste in das 1976 errichtete Waldschwimmbad Haiming.
Ein Vergleich der Nächtigungszahlen zeigt den Zuwachs im Tourismus deutlich: 1950 zählte man 1.602 Nächtigungen in Haiming; 1970 waren es 56.800; im Jahr 1978 hatte Haiming erstmals die Grenze von 100.000 Nächtigungen überschritten.
Doch ab den 1980ern wurde auch die Konkurrenz um die Urlauber immer größer. Besonders durch günstige Flugreisen in die Mittelmeerländer ging der Familienurlaub im beschaulichen Haiming kontinuierlich zurück. 1982 zählte man in Haiming „nur“ mehr 91.000 Nächtigungen. Dieser Rückgang kann mit der zunehmenden Konkurrenz, der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und auch dem Rückgang im Bereich der heimischen Privatzimmervermieter erklärt werden. Mehr als 100.000 Nächtigungen konnte Haiming erst wieder im Jahr 2013 erzielen (112.051 Nächtigungen). Der bisherige Rekord liegt im Jahr 2018 mit 159.167 Nächtigungen.
Als einer der Pioniere im Tourismus von Ochsengarten gilt Alois Neurauter (1867 – 1945), Bauer und Gastwirt in Marlstein. Er erweiterte seinen Hof bereits um 1910 um einige Gästezimmer. Sommer wie Winter wurden Gäste beherbergt, sie blieben meist 3 – 4 Wochen. Die Fremdenzimmer waren sehr einfach, für die Körperpflege stand eine Schüssel zur Verfügung, ein einfacher Ofen heizte das Zimmer.
Das Ferienheim im Haiminger Forchet - ab 1934 kamen jährlich im Schnitt 100 Kinder und Jugendliche zur Erholung für mehrere Wochen nach Haiming. Das Schwimmbad galt als Mittelpunkt des Feirenheims. (Aufnahme: um 1950)
Das Haiminger Waldschwimmbad, 1976 errichtet, entwickelte sich in den 1970er und 1980er Jahren zum Publikumshit - für Einheimische und Gäste in Haiming.
Im Ötztalerhof (Aufnahme: 1963), früher Sterzinger-Hof, wurden ab seiner Gründung 1883 Zimmer vermietet.
Sommertourismus: Rafting & Area 47
Ab Ende der 1980er Jahre konnte der Haiminger Tourismus mit dem Wildwassersport einen neuen Aufschwung verzeichnen. „Rafting“ war das große Zugpferd für einen Sommerurlaub in Haiming, in wenigen Jahren etablierten sich mehrere professionell geführte Unternehmen in Haiming. Einer der Pioniere des Raftings in Haiming war der Brite Jeremy Tailor.
Noch heute sind Rafting, Kajaking & Canyoning wichtige Angebotsfaktoren im Haiminger Sommertourismus. Auf die Schiene „Abenteuer & Erholung“ setzt seit 2010 auch die Area 47. Der Freizeitpark an der Ötztaler Ache auf Haiminger und Roppener Gemeindegebiet gilt als „der größte Outdoor-Freizeitpark Österreichs“ und hat sich mittlerweile zum wichtigen Zugpferd im Sommertourismus entwickelt. 2018 konnte die Area47 an die 46.000 Nächtigungen zählen. Diese können nicht direkt dem Haiminger Tourismuskonto zugerechnet werden, da die Übernachtungsmöglichkeiten in der Area 47 selbst auf Roppener Grund liegen. Aber auch der Ötztal Tourismus, zu dem Haiming seit 2006 gehört, profitiert von den „Outdoorgästen“.
Rafting mit Jeremy Tailor, einem der Pioniere des Wildwassersports am Inn
Rafting am Inn und auf der Ötztaler Ache entwickelten sich ab Ende der 1980er Jahre zu einem wichtigen Angebotsfaktor im Haiminger Sommertourismus.
Im Mai 2010 wurde die Area 47 eröffnet - Teile des Freizeitparks liegen auf Haiminger Gemeindegrund. Die Area 47 hat sich in den Jahren ihres Bestehens zu einem wichtigen Angebotsfaktor im Sommertourismus der Region entwickelt.
Der Hochseilgarten in der Area 47 überquert die Gemeindegrenze zwischen Roppen und Haiming.
Ski- und Wintertourismus
Von ersten Skitouristen in Ochsengarten wird bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts berichtet. Von Ochsengarten und Marlstein aus konnten diese frühen Skitourengeher über die Feldringer Böden und die Feldringalm fahren und dann – je nach Schneelage – bis nach Silz oder Stams abfahren. Bis das Skifahren zum Massenphänomen wurde, sollten aber noch einige Jahrzehnte vergehen. Ab Anfang der 1960er Jahre gab es bereits die Skilifte in Balbach und ab 1967 in Marlstein. Ab 1964 gab es auf den „Mooswiesen“ am Haimingerberg auch einen Schlepplift. Damit hielt der Wintersport auch in Haiming Einzug.
Den großen Aufschwung in dieser Hinsicht brachte vor allem die Einbindung von Balbach/Ochsengarten in das Skigebiet Hochoetz mit der Errichtung der Gondelbahn Ochsengarten. Seit 2006 gehört Haiming zum Tourismusverband „Ötztal Tourismus“ und profitiert seither in größerem Ausmaß von der intensiven Bewerbung des Tourismuswinters.
1964 errichtete Theodor Kapeller auf den sogenannten „Mooswiesen“ am Haimingerberg einen Schlepplift. Ab Anfang der 1960er Jahre gab es zudem bereits die Skilifte in Balbach und ab 1967 den Schlepplift in Marlstein.
1999 wurde Ochsengarten über die Ochsengartenbahn mit dem Skigebiet Hochoetz zusammengeschlossen - ein wichtiger Impuls für den Tourismus in Ochsengarten und Haiming.
Die beleuchtete Skipiste in Balbach / Ochsengarten
Nachtskilauf in Ochsengarten; Aufnahme: 2018
Tourismus in Haiming heute
Heute erlebt der Tourismus in unserer Gemeinde schwere Zeiten. Die Privatzimmervermieter sind inzwischen fast zur Gänze „verschwunden“, viele der Gasthäuser haben ihre Türen geschlossen, die gehobene Hotellerie in unserem Gemeindegebiet ist „überschaubar“. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste sinkt – wie überall – kontinuierlich und betrug im Jahr 2019 nur mehr 3 Tage. Von Sommerfrischlern, die mehrere Wochen bleiben, kann heute keine Rede mehr sein.
Seit 2020 kämpfen Tourismus, Hotellerie und Gastronomie zudem mit der Corona-Pandemie, deren Langzeitfolgen derzeit noch nicht abgeschätzt werden können. Durch Lockdowns, Reisebeschränkungen und Beherbergungsverbote hat der Tourismus in Haiming im Jahr 2020 gelitten. 2019 konnte Haiming 151.911 Nächtigungen verzeichnen, im „Corona-Jahr“ 2020 waren es (laut vorläufigen Ergebnissen): 108.935. Fast 30 % weniger mögen auf den ersten Blick gar nicht so schlimm erscheinen. Beim genaueren Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass die Zahlen in den Monaten Jänner und Februar 2020, also vor Corona, sehr gut waren - besser als im Vorjahr. Auch in den wichtigen Sommermonaten Juli und August 2020 konnte man 34.448 Nächtigungen verzeichnen – 2019 waren es in diesen beiden Monaten: 40.432 Nächtigungen. Doch mit dem neuerlichen Lockdown folgte dann der Totalausfall im Dezember 2020. Nur 151 Nächtigungen (im Vergleich zu 10.644 Nächtigungen im Vorjahr). Jänner und Feber 2021 sehen gleich aus.
Impressionen aus dem Tourismus in Haiming:
Das Gasthof Bergland in Ochsengarten, aufgenommen: 1962 / Bildnachweis: Foto-Sammlung Risch-Lau / Vorarlberger Landesbibliothek
Der Ötztalerhof im Jahr 1963; Bildnachweis: Foto-Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek
Die Pension Egger in Ötztal-Bahnhof - daneben die Lourdes-Kapelle; Aufnahme: 1963, Bildnachweis: Foto-Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek
Auch ein Beispiel wie Tourismus zu engen Verbindungen führen kann. Mit Seckenheim wurde eine jahrzehntelange Freundschaft gepflegt, die von vielen gemeinsamen Besuchen getragen wurde. Hier der Einmarsch der Musikkapelle Haiming anno 1965 beim großen Jubiläumsfest „100 Jahre Sängerbund 1865 Seckenheim-Mannheim“.
Ansichtskarte Gasthof Traube, um 1975
Ansichtskarte von Haiming, um 1975
Ansichtskarte vom Hotel Ferienschlössl am Haimingerberg, 1997
Panoramakarte von Ötztal-Bahnhof, um 1970
Der Gasthof Föhrenhof, um 1977
Die Haiminger Apfelmeile - Spielplatz an der Apfelstraße bei Magerbach, 2017 errichtet.
Die Familie Cloo ten Hoeve wurde im Jahre 2020 für langjährige Treue zu ihrem Feriendomizil Haiming-Ochsengarten ausgezeichnet.
Im Bild von links: Vermieter Rudolf Stigger, Astrid Cloo ten Hoeve (30 Jahre Treue) mit ihren Kindern Cas und Jim (5 Jahre Treue), Vermieterin Angelika Stigger, Ada Cloo ten Hoeve (50 Jahre Treue) und Christoph Rauch vom Ötztal Tourismus. Foto: Privat

